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Funktionale Alphabetisierung

1. Die funktionale Alphebetisierung im Überblick

1.1 Was stellt man sich unter funktionaler Alphabetisierung vor?

1.2 Wie und wann ist der Begriff "funktionale Alphabetisierung" entstanden?

1.3 Was bedeutet funktionale Alphabetisierung?

 

2. Was beabsichtigt die funktionale Alphebetisierung?


3. Die Sieben Prinzipien der funktionalen Alphebetisierung

3.1 Funktionalität

3.2 Selektion

3.3 Partizipation

3.4 Integration

3.5 Intensität

3.6 Kommunikation

3.7 Kontinuität

 

4. Wie sieht es mit der Entwicklung der Methoden in der Erwachsenenbildung aus?


5. Warum ist die funktionale Alphabetisierung die zukunftsfähige Alphabetisierung?


6. Fazit

 

1. Die funktionale Alphebetisierung im Überblick

1.1 Was stellt man sich unter funktionaler Alphabetisierung vor?

Zuerst möchte ich hier auf die Terminologie eingehen.

  1. Der Begriff "funktional" ist eine mathematische Terminologie, die das direkte Abhängigkeitsverhältnis einer Variable von einer anderen beschreibt. Im Themengebiet der Alphabetisierung wird dieser Begriff in der gleichen Weise verwendet.
  2. Funktionale Alphabetisierung heißt,: daß die Alphabetisierungsprogramme sich an die Interessen und Bedürfnisse der Zielgruppe - also der Lernenden - anpassen sollten und nicht umgekehrt.
  3. Funktionale Alphabetisierung hat mit dem oft benutzten "funktionalen Analphabetismus" nicht zu tun, obwohl die Begriffe ähnlich zu sein scheinen. Vielleicht ist es gerade deswegen auch zu eine Umwandlung von funktionaler Alphabetisierung zu funktionalem Analphabetismus gekommen, weil man den Begriff "funktional" mit dem Verb "funktionieren" in Zusammenhang gebracht hat. Um die Bedeutung des Begriffes besser nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, die Übersetzungen der UNESCO in andere Sprachen in Bezug auf funktionale Alphabetisierung zu vergleichen, z. B. in Arabisch oder Persisch. Hier ist eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Wörtern "funktional" und "funktionieren" nicht vorhanden. Vielmehr weisen die Übersetzungen auf funktional im mathematischen Sinne hin. Die Zusammensetzung von funktional im Sinne von "funktionieren" - also einem positiven Begriff - mit der Negation am Anfang des Wortes Analphabetismus ist als solche bereits eine ungeeignete Kombination.

1.2 Wie und wann ist der Begriff "funktionale Alphabetisierung" entstanden?

Die funktionale Alphabetisierung wurde von der UNESCO aufgrund der weltweit berichteten Defiziten, z.B. über die drastische Ausfallquote in den Kursen, auf dem internationalen Symposium von Persepolis für "Alphabetisierung und Industrialisierung" als zukunftsfähiges Konzept anerkannt sowie seine Durchführung beschlossen.

Der Mangel an Interesse und Motivation seitens der Teilnehmer wies darauf hin, daß die Kurse den Erwartungen der Teilnehmer nicht entsprachen und sie enttäuschten. Die Notwendigkeit eines neuen Konzeptes in der Alphabetisierung war schon längst offensichtlich geworden. Die UNESCO trat darauf hin mit einem fertig ausgearbeiteten Konzept auf dem o.g. Symposium auf und erreichte seine Durchsetzung.

1.3 Was bedeutet funktionale Alphabetisierung?

Funktionale Alphabetisierung ist eine Methode der Erwachsenenbildung im Rahmen der "Non-Formal Education". Sie verzeichnet auch große Erfolge in der Ausbildung jugendlicher und junger, erwachsener Nichtleser. Die funktionale Alphabetisierung ist der erste Schritt im Prozeß des lebensbegleitenden Lernens (Life-long Education). Sie beschränkt sich nicht nur auf die Alphabetisierung allein im Sinne des Erwerbs der Fertigkeiten des Lesens und Schreibens, sondern läßt sich als Mittel für die generelle Weiterentwicklung und Weiterbildung der Menschen verstehen.

2. Was beabsichtigt die funktionale Alphebetisierung?

Funktionale Alphabetisierung (fA) setzt sich für die freie Entfaltung von Menschen ein. Durch einen Bewußtseinsbildungsprozeß versucht sie, das Interesse und die Motivation der Teilnehmer zu wecken und sie zu fördern und durch die partizipatorische Mitwirkung der Teilnehmer die Programme sinnvoller zu gestalten. Eine bewußte Planung des Programms soll auf die Zielgruppe ganzheitlich, in ihrem Umfeld gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch eingehen und sich den spezifischen Erfordernissen anpassen. Ein anderer Aspekt der fA - der vielleicht einen Gegensatz zum ersten Aspekt darstellt - ist der Versuch, die Teilnehmer durch problemlösende und selbstentdeckende Verfahren zu beeinflussen, die Anforderungen der realen Welt besser  wahrzunehmen. Dadurch entwickelt der Teilnehmer die Kompetenz, sich an der rasant verändernden Welt beruflich oder persönlich zu orientieren. Die Betonung liegt auf dem produktiven Denken, welches nur durch die "kreative" Methode in der fA erreichbar ist. Diese Denkweise verändert die Weltanschauung der Teilnehmer. Sie sollen die Dynamik des Geschehens erfassen und beginnen, ihre eigenen Wege zu finden und sich somit weiterzuentwickeln. Damit beginnt der Prozeß des "lebensbegleitenden Lernens".

3. Die Sieben Prinzipien der funktionalen Alphebetisierung

3.1 Funktionalität

Funktionalität bedeutet in diesem Kontext einerseits die Anpassung der Alphabetisierungsprogramme an die besonderen Bedürfnissen der Zielgruppe. Andererseits bezieht sie Inhalte in Diskussionen mit ein, wodurch Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt werden.
Aufgrund dieses Funktionalitätsfaktors und das damit neu definierte Lernziel unterscheidet sich die funktionale Alphabetisierung grundlegend von der traditionellen Alphabetisierung.

3.2 Selektion

Dieses Prinzip setzt eine genaue Auswahl der Teilnehmer  einer Lerngruppe nach Alter, sozialen Verhältnissen, beruflichen Interessen und zukünftigen Vorhaben voraus . Es werden Gruppen von Teilnehmern gebildet, die ähnliche Interessen haben. Daraufhin können die Veranstalter zielgerichtet das Programm gestalten. Eine genaue Analyse der Zielgruppe ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches und realistisches Lernprogramm. Warum diese allseits bekannte Methode der Lehrplanung jedoch gerade für die Alphabetisierungskurse bisher nicht angewandt wurde, ist unverständlich.

3.3 Partizipation

Partizipation bedeutet hier mehr als nur die effektive Partizipation der Teilnehmer in den Gruppendiskussionen oder im Lernverfahren. Daher kommt auch das Wort "Participant" ( TeilnehmerIn ). Dies wurde von der UNESCO verwendet, da die Beteiligung der Teilnehmer in der Gruppenarbeit eine wichtige Rolle in der Erwachsenenbildung spielt. Die Wahl des Begriffs der "LernbegleiterIn" in der funktionalen Alphabetisierung statt "Lehrer" oder "Kursleiter" deutet auch auf die Einstellung der Programmgestalter gegenüber den Erwachsenen und der Erwachsenenbildung hin . Die Bildung soll auch dazu beitragen, die Teilnehmer zu befähigen, eine aktive Rolle in ihrem unmittelbaren Lebensraum zu spielen. Man spricht hier von der Entwicklung einer demokratischen Partizipation im Gegensatz zu einem isolierten und passiven Verhalten. Beim Partizipationsprinzip geht es aber darum, Organe auf kommunaler-, Landes- oder Bundesebene, die gemeinsame Interessen an der positiven Entwicklung des Projekts haben können, zur Mitwirkung zu bewegen mit dem Ziel einer koordinierten Planung. Damit werden die realisierbaren Ziele der anderen Beteiligten im Programm integriert und somit neue Horizonte und Perspektiven für die Teilnehmer eröffnet.

3.4 Integration

Das Integrationsprinzip wird in drei Dimensionen umgesetzt. Die erste Dimension ist die Integration von Wissenschaft und Praxis. Diese hat einen besonderen Stellenwert in der f-Alphabetisierung im Gegensatz zur traditionellen Alphabetisierung. Deshalb hat die UNESCO ihre f-Alphabetisierungsprojekte mit der Gründung von Forschungszentren in verschiedenen Ländern begonnen. Deren Aufgabe war es, konkrete Wege zu finden, wie Wissenschaft in die Alphabetisierungsarbeit zu integrieren sei. Da ich selbst eine diese Forscherinnen war, kann ich mit Sicherheit sagen, daß die Alphabetisierungsarbeit ohne die Wissenschaft nicht vorstellbar ist. Zum anderen wirkt dieses Prinzip interdisziplinär. Die Alphabetisierung ist ein multidisziplinäres Fach. In unterschiedlichen Gebieten werden unabhängige Forschungen hinsichtlich der Alphabetisierung betrieben. Dieses Prinzip sorgt dafür, daß die verschiedenen Forschungsergebnisse aus der Linguistik, Psychologie, Pädagogik, Kommunikationswissenschaft, Ergonomik usw. in das interdisziplinäre Fach integriert werden und ein ganzheitliches Konzept bilden. Falls Widersprüche auftreten, setzt die f -Alphabetisierung sich damit auseinander, bis ein einheitliches Gesamtkonzept vorliegt.
Letztlich erlaubt dieses Prinzip die Integration der einzelnen Elemente eines Programms in ein einheitliches Gesamtbild. Das heißt, daß die gesamten Lehr- u. Lernmaterialien und Lerninhalte in einen Zusammenhang gebracht und gemeinsam bearbeitet werden. Daher spricht man in der funktionalen Alphabetisierung von einem System oder besser gesagt von einem "System approach", weil alles in ein System eingebaut ist. Damit sind auch die Ausbildung- und Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte sowie Evaluation gemeint.

3.5 Intensität

Das Prinzip Intensität sorgt dafür, daß das Programm einerseits die Teilnehmer nicht überfordert, andererseits sie nicht mit einem unangemessenen Lerntempo u. -inhalt langweilt. Dafür übernimmt die f-Alphabetisierung die allgemeinen Handlungsstrategien einer erwachsenengemäßen Methodik und Didaktik.
Der Zeitfaktor ist ein wichtiger Anhaltspunkt für die Bestimmung der Intensität des Programmes. Es wird versucht, durch die Anwendung von Lerntechniken die Lernzeit effektiv zu nutzen, um sie zu reduzieren. Da der Erwerb der Fertigkeiten in einer bestimmten Zeitspanne erzielt werden soll, unterstützt man diese mit der Hilfe eines Einstufungskonzepts, wodurch man eine bessere Übersicht über den Verlauf des Programms und die Lernzielkontrolle gewinnen kann.

3.6 Kommunikation

Unter diesem Faktor ist einerseits vertikale und andererseits horizontale Kommunikation zu verstehen. Im vertikalen Sinne sind Kommunikationsarten gemeint, die vom Veranstalter initiiert werden, um andere Organisationen oder Ämter zu sensibilisieren und zu einem partizipatorischen Engagement zu bewegen. Durch eine solche Zusammenarbeit versucht der Veranstalter, neue Perspektiven und Chancen für seine Kursteilnehmer zu schaffen. Es wird versucht, durch Kommunikation politische Entscheidungen zu beeinflussen. Unter den Begriff der vertikalen Kommunikation fällt auch die Beschaffung von Informationen und Forschungsergebnissen für die Sicherung der Qualität der Arbeit. Die horizontale Kommunikation geschieht innerhalb der Lerngruppe zwischen den Lehrkräften in Fortbildung und Supervision.

3.7 Kontinuität

Kontinuität weist auf ein Kontinuum des Lernens hin. So betrachtet ist die f-Alphabetisierung eine Phase im Prozeß des lebensbegleitenden Lernens. Sie bietet den ersten Schritt in ein komplexes Lernnetz. Daher legt die funktionale Alphabetisierung besonderen Wert auf die Auswahl der Lerninhalte und -methoden, um die Teilnehmer langfristig zum Lernen zu motivieren. Die organisatorische Arbeit, wie die Aufteilung des Programmes in verschiedene Stufen, sowie die Planung von Folgekursen wie z.B.: "Postalphabetisierung und follow-up Veranstaltungen" usw. spielt eine wichtige Rolle für den Erfolg der funktionalen Alphabetisierung.

4. Wie sieht es mit der Entwicklung der Methoden in der Erwachsenenbildung aus?

Mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit, in der die Welt sich verändert, hat sich auch die Einstellung gegenüber "Bildung" gewandelt. Heutzutage ist zu beobachten, das sich der Trend hin zu einer lebendigen Lernkultur durchsetzt. Wenn man die Methoden neu definieren dürfte, könnte man vielleicht sagen, daß heutzutage die Betonung mehr auf die qualitativen Aspekte der Methoden liegt als auf die quantitativen Aspekte. Der Erfolg einer Methode wird nicht allein in Verbindung mit einer abschließenden Qualifikation gemessen, sondern daran, ob man die Teilnehmer bei der Entwicklung ihrer eigenen Kompetenzen (Persönlichkeit) weitergebracht hat. Es wird davon ausgegangen, daß jeder Mensch das Potential hat, sich in seinem Leben zu orientieren und sich weiterzuentwickeln. Also wird mehr Wert auf die unbegrenzten, individuellen, freien Handlungsdispositionen gelegt. Die Methoden sind stärker psychologisch orientiert und tendieren eher dahin, die Wahrnehmung zu beeinflussen und sie zu aktivieren. Das "Selbst" der Lernenden wird in diesen Methoden in den Vordergrund gerückt. Diese Tendenz kann mit Stichwörtern wie "Selbstentdeckung", "Selbstbestimmung", "Selbsterfahrung", "selbständiges Lernen" und "autonomes Lernen" beschrieben werden. Die Teilnehmer werden ganzheitlich berücksichtigt und gefordert.

5. Warum ist die funktionale Alphabetisierung die zukunftsfähige Alphabetisierung?

Wie schon erwähnt, ist das Kernkonzept von f-Alphabetisierung die Befähigung der Teilnehmer, die eigenen Kompetenzen und das eigene Potential voll einzusetzen. Mit seinem aktiven Verhalten soll er am Geschehen in seiner Umwelt teilnehmen und mitwirken. Er soll Anpassungsfähigkeiten entwickeln, um seinen Weg allein zu finden. Daher gehören Terminologien wie "Selbstorganisationsfähigkeit" oder "Selbstgesteuertes Lernen" zur funktionalen Alphabetisierung wie zu jedem anderen fortgeschrittenen Erwachsenenbildungskonzept.

6. Fazit

Die funktionale Alphabetisierung ist ein dynamisches Konzept, das das autonome Lernen fördert. Es fördert die individuellen Entwicklungspotentiale der Teilnehmer und unterstützt das selbsbewußte Handeln durch die Übertragung von problemlösenden Verfahren in ihre alltäglichen Lebenssituationen. Die funktionale Alphabetisierung wird vor allem in einer Zeit, in der Symbole und Schrift die Grundlage unserer Kommunikation bilden, für Menschen, die nicht lesen und schreiben können, essentiell und wichtig.

Mari Aradgoli
Wiesbaden, März 1998