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Die Kreativ-Synthetische Methode in der Alphabetisierung

Einleitung

Oft wird die Notwendigkeit einer Methode für die Alphabetisierung in Frage gestellt, weil davon ausgegangen wird, dass zusätzliche Arbeitsanweisungen als Hilfestellung für die Alphabetisierungsarbeit ausreichen würden. Die Ursachen dieser Bedenken sind in zwei Einstellungen zu suchen. Die erste Einstellung geht davon aus, dass die Alphabetisierung das Aneignen bzw. die Vermittlung des Alphabets bedeutet. Diese Unterschätzung der Alphabetisierungsarbeit ist auch eine der Gründe, warum nicht ernsthaft an die Sache herangegangen wird, um wirksame Lösungen zu finden. In anderen Worten: Wir sollten nicht selbstsicher behaupten, dass wir wissen, worum es geht. Andererseits sollten wir, wenn wir keinen Erfolg haben, es vermeiden, die Schuld bei den Lernenden zu suchen. Die zweite Einstellung betrachtet die Alphabetisierung als einen Sonderfall, einen pädagogischen bzw. einen sonderpädagogischen Fall. Hier stellt sich die Frage, warum wir Alphabetisierung zuerst absondern und dann versuchen, sie als ein spezielles Problem zu behandeln.

Methodik in der Alphabetisierung

Alphabetisierung ist ein Lehrgang wie alle anderen Lehrgänge auch. Sehr häufig ist bei den Teilnehmern der Alphabetisierungslehrgänge davon auszugehen- und darin liegt der Unterschied zu den anderen Lehrgängen-, dass ein vorangegangener Schulbesuch eher zu schlechten Lernerfahrung geführt hat. Im Verstehen und Lösen diese Gegebenheiten liegt gerade die Aufgabe einer Methode. Das heißt, dass diese Methode ganzheitlich alle beteiligten Aspekte in einem gesamten Konzept zu behandeln hat.

Die Frage nach dem »Warum« einer Methode könnte im Bezug auf die Entwicklung der Alphabetisierungsarbeit in der Geschichte genauer erklärt werden und damit auch die Notwendigkeit der Entstehung der kreativ-synthetischen Methode begründen. Aber da wir uns bei dieser Tagung damit beschäftigen andere Materialien und Methoden kennen zu lernen, möchte ich die wichtigsten Vorteile einer grundsätzlichen methodischen Herangehensweise in knapper Form vorstellen.

1. Eine Methode zielt auf die Realisierung von Langzeitzielsetzungen, die sonst ohne eine methodologische Vorgehensweise nicht verwirklicht werden könnten. Die Methode bietet eine Grundlage zur Definition von kleinen aufeinander aufbauenden Zielsetzungen.

2. Die Art und Weise der methodischen Gestaltung ist alles andere als die einer Arbeitsanweisung. Eine Methode arbeitet auf einer fundierten theoretischen Basis, auf Grundlage derer die gesamte Alphabetisierungsarbeit konzipiert, geplant und organisiert wird, und in der Praxis die Handlungen durchgeführt und evaluiert werden. Eine Methode kennt ein Rückmeldungssystem, wodurch die Informationen zur Quelle zurückfließen, um Ungereimtheiten aufzuzeigen. Damit verbessert sich eine Methode kontinuierlich.

3. Eine Methode geht Probleme nach dem Ursache-Wirkungsprinzip auf den Grund. Sie schlägt Lösungsmöglichkeiten vor. Sie interessiert sich sowohl für kurzfristige als auch für langfristige Problemlösungen. Das ist etwas anders als sich nur mit sofortigen Problemlösungen zu beschäftigen, wo die Gefahr besteht, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen .

4. Mit einer Methode wird über die Lerntheorie entschieden. Modifiziert an bestimmten Lerntheorien entwickelt sich ein bestimmtes Lernverhalten. Im Falle der kreativ-synthetischen Methode, die auf einsichtigem Lernen basiert, trägt sie zum selbstentdeckenden und selbstständigen Lernen bei. Dadurch, dass die kreativ-synthetische Methode eine einheitliche Lerntheorie in der Entwicklung der Lernmaterialien angewandt hat, ist eine einheitliche Sichtweise und ein homogenes Lehrsystem zustande gekommen.

5. Mit dem oben genannten Punkt entlastet sie die Kursleiter sowie die Träger von unnötigen Anstrengungen, weil sie die Verantwortlichkeit in affektiven, kognitiven und psychomotorischen Bereichen übernimmt. Das heißt, dass die Zielsetzungen in den drei eben genannten Bereichen durch die Umsetzung der Methode in der Praxis schon vorgeplant und organisiert sind, so dass sie nicht als Wunschbild unerreichbar bleiben. Das Ziel der Persönlichkeits- und Selbstentwicklung der Lernenden z.B. während des Lernprozesses der funktionalen Grundbildung sind in der Tat eine umgesetzte Zielsetzung, an der ich seit 1973 arbeite. Diese Zielsetzung ist ein fester Bestandteil der Methode. Es wäre unzumutbar, von dem Kursleiter oder von den Trägern zu erwarten, dass sie aus eigener Kraft diese Ziele im Programm der Alphabetisierung durchsetzen. Wie sollten sie zu etwas beitragen, wenn es nicht im Programm vorgeplant ist?

6. Welche motivationsfördernden Maßnahmen im Programm der Alphabetisierung eingesetzt werden, ist selbstverständlich eine tiefgreifende Frage, die nur durch eine Methode beantwortet werden kann, die sich zur Aufgabe gemacht hat, bewusst an die Sache heranzugehen und sie in Bezug auf die Zielgruppe »Formal- Nichtgebildeter« systematisch zu bearbeiten. Es sei hier erwähnt, dass dieser Bereich einer der stärksten Säulen der kreativ synthetischen Methode darstellt. (Darüber erfahren sie Ausführliches in den Fortbildungsseminaren von ALPHA GATE).

7. Eine Methode sucht nach nachhaltigen Wegen, hält Schritt mit der Entwicklung der Wissenschaft und orientiert sich z.B. an den neuesten Befunde der Gehirnforschung und anderen wissenschaftlichen Bereichen, wie z. B. der Stand der neusten Entwicklung in der Linguistik (hier sei auf die Gamma Stufe verwiesen).

8. Eine Methode, wie die kreativ- synthetische Methode, die sich in einem multidisziplinären Fachgebiet bewegt und an der Selbstentwicklung der Menschen- seien es Kursteilnehmer oder Kursleiter- Wert legt, kann und darf nicht als ein enges Korsett verstanden werden, die nur engstirnig Arbeitsanweisungen vorschreibt, sondern als das genaue Gegenteil. Weil sie eine solide Basis hat und ihre Grundlagen offen darlegt, ermöglicht sie ihrerseits jeden Erfahrungsaustausch und jede Weiterentwicklung. Sie ist nicht passiv und statisch, sondern lebendig und dynamisch.

Schon die Entwicklung der letzten fünf Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Lernmaterialien des Kompakt-Sets-Schriftspracherwerb (1997) zeigen, wie rasant der Zug weiterfährt, und wie die Lernmaterialien basierend auf der kreativ- synthetischen Methode entwickelt werden. Es wird erkennbar, wie alle Mosaikstücke der Methode zusammenkommen und sich in den gesamten Materialien zeigen. Symbolisch wird das durch das Bild des Boots auf dem Titelblatt der Alphastufe präsentiert, das die Reise der Alphabetisierung begonnen hat und am Ende zum Delta des Ozeans mit neuen Herausforderungen führt. Und wie schön ist dabei das Gefühl des Kursleiters, jemanden bis zu einer sicheren Küste begleitet, und die Begleiterrolle sicher übernommen zu haben. In dem Sinne, dass er niemandem ein Abhängigkeitsgefühl vermittelt hat, sondern die Selbständigkeit methodisch verstanden und sie emotionsfrei eingesetzt hat.

Stufenkonzept der funktionalen Grundbildung


Das Stufenkonzept der funktionalen Grundbildung orientiert sich einerseits an den Entwicklungsphasen des Lernens in der Grundbildung – das heißt angepasst an den Lernbedürfnissen der Zielgruppe »Formel Nichtgebildeter« (FNG)-, anderseits wird sie von der kreativ-synthetischen Methode durch die Bearbeitung von wissenschaftlichen und in der Praxis bewährten Ansätzen unterstützt, welche den Lernprozess beeinflussen und beschleunigen, so dass von Anfang an Erfolgserlebnisse zu spüren und früher als erwartet Lernergebnisse zu dokumentieren sind.

Alphabetisierung bildet nur einen Teilprozess dieses Stufenkonzepts. Das Gesamtbild von Schriftspracherwerb, lässt sich mit weiteren Stufen ergänzen, in denen mehr Wert auf die Kompetenzentwicklung und auf die sprachlichen Fähigkeiten gelegt werden. Somit lässt sich im Rahmen einer handlungsfähigen Darstellung und Darbietung die wahren Ziele der Alphabetisierung verwirklichen. Hier ist fortwährend die posttraditionelle Alphabetisierung, die weit über die Grenzen der traditionellen Alphabetisierung hinausgeht, gemeint (Alpha Gate vertritt diesen neuen Trend in der Alphabetisierung und veranstaltet Fortbildungsseminare für Kursleiterinnen und Lehrerinnen.).

Integrationskurse für die Grundbildung


Die vier Stufen der funktionalen Grundbildung, die mit dem aufeinander aufbauendem Stufenkonzept klare Strukturen aufzeichnen und entsprechenden Zielsetzungen folgen, können flexibel und binnendifferenziert in Integrationskurse eingesetzt werden. Wie und mit wie viel Unterrichtsstunden dies geplant ist, können Sie unserer Website entnehmen. Das Modell bietet verschiedene Optionen, je nach Randbedingungen und Voraussetzungen, werden die entsprechenden Alternativen ausgewählt.

Ziel der Integrationsprogramme und die Forderung in der Arbeitswelt sich zurecht zu finden, ist Deutsch als Zweitsprache so schnell wie möglich zu lernen: Aus der Sicht des Lernenden ist es wichtig, in dem zweiten Heimatland mit der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft sich identifizieren zu können, sich wohl zu fühlen und effektiv arbeiten und die alltäglichen Angelegenheiten erledigen zu können. Ohne Sprache ist ein Mensch in einer Gesellschaft Außenseiter und ist kaum erwünscht. Erst wenn man die Sprache ihrer Gesellschaft gelernt hat, ist er ein aktives Mitglied der Gesellschaft. Es wäre daher nicht im Sinne einer zielgerechten Alphabetisierungsarbeit diese dem Lernenden länger vorzuenthalten. Es ist also nicht förderlich das Erlernen des Lesens und Schreibens und die Vermittlung der deutschen Sprache voneinander zu trennen. Die Zwiespältigkeit, die die Lernenden in den Alphabetisierungskursen erleben, gibt es bei unserem Konzept von Alphabetisierung nicht (veröffentlicht als Kompakt Alpha 1 (1997)). Die Methode setzt sich für eine gemeinsame Alphabetisierung Hand in Hand mit der Vermittlung der Sprache ein, und das bedeutet natürlich für Deutschland, dass Alphabetisierung gleichzeitig mit der Vermittlung der deutschen Sprache erfolgt.

Hierzu werden in unserem Konzept für die Integrationskurse für die Grundbildung frühzeitig Elemente aus der Gamma Stufe2 intensiver im ersten Teil der Alpha Stufe (Alphabetisierung) integriert bzw. eingesetzt. Dies motiviert die Lernenden zusätzlich, weil sie noch mehr Sinn in den Lehrgang Alphabetisierung sehen, als nur lesen und schreiben zu lernen.

Mari Aradgoli